Wir machen nach Halle.

  • Marguerite Friedlaender und Gerhard Marcks
  • In Reportagen

Erstmals werden in dieser Ausstellung Hauptwerke der Keramikerin Marguerite Friedlaender und des Bildhauers Gerhard Marcks am Ort ihrer Entstehung präsentiert.

Wir machen nach Halle.
Marguerite Friedlaender und Gerhard Marcks


Eine Ausstellung der Kunsthalle “Talstrasse“ im Rahmen des Bauhausjubiläums „Bauhaus 100“ in Zusammenarbeit mit dem Gerhard-Marcks- Haus, Bremen und der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle.
Erstmals werden in dieser Ausstellung Hauptwerke der Keramikerin Marguerite Friedlaender und des Bildhauers Gerhard Marcks am Ort ihrer Entstehung präsentiert, darunter auch bislang verloren geglaubte Arbeiten. Anhand von mehr als 135 Objekten, darunter 15 Plastiken, 69 Keramiken sowie 51 grafischen Arbeiten aus 24 öffentlichen und privaten Sammlungen, wird veranschaulicht, wie sich ihre am Bauhaus begründete einzigartige Künstlerfreundschaft in Halle festigt und in ihrem Werk spiegelt. Die Ausstellung wird durch eine filmische Spurensuche von Studierenden der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle mit dem Titel Wir sind in Halle begleitet.

 Die Keramikerin Marguerite Friedlaender war eine der ersten Schülerinnen des Bildhauers Gerhard Marcks in der Dornburger Keramikwerkstatt. Als das Bauhaus Weimar 1925 verließ um in Dessau neu zu beginnen, gehörten die beiden zu jenen Künstlern, die sich dem von Gropius propagierten neuen Kurs der Einheit von Kunst und Technik verweigerten. Sie verteidigten die essenzielle Rolle des Handwerks und die individuelle Position des Künstlers gegen die alles beherrschende Auseinandersetzung mit der industriellen Produktion. „Wir machen im August nach Halle. Das Bauhaus geht aus dem Leim, der Hauptteil zieht nach Mannheim oder Frankfurt. Ich benutze die Gelegenheit, mich abseits von der esthétique mechanique zu begeben. In Halle werde ich als Bildhauer ohne Klasse in der Kunstgewerbeschule arbeiten (…)“, schrieb Gerhard Marcks aus Dornburg an einen Freund. Marcks und Friedlaender nahmen 1925 einen Ruf an die Kunstgewerbeschule Burg Giebichenstein in Halle an. Unter ihrem und dem Einfluss ihnen nachfolgender Bauhäusler festigte sich die Position der Schule im Sinne einer besonnenen Modernität. Fern vom Impetus des Demonstrativen hoben sie in Halle die Ideen des Bauhauses im doppelten Wortsinn auf. Friedlaender übernahm die Leitung der Töpferei und eröffnete 1930 eine Werkstatt für Porzellan. Für die Staatliche Porzellanmanufaktur KPM Berlin übertrug sie mit beispielhafter Konsequenz die formalen und funktionalen Überlegungen aus der handwerklichen Keramik in eine moderne, sachliche und zweckmäßige Formensprache. Im Kontext europäischer Designgeschichte stehen Friedlaenders Porzellane bis heute exemplarisch für eine der Neuen Sachlichkeit und deren Produktsprache verpflichtete kompromisslose Moderne. Marcks leitete an der Burg eine Bildhauerklasse und ab 1928 als Direktor die Schule. Es entstanden Schlüsselwerke seines Oeuvres wie die „Thüringer Venus“ von 1930. Im Auftrag der Stadt gestaltete er die überlebensgroßen Tierfiguren der Giebichensteinbrücke über der Saale und für die hallesche Universität die einzigartigen Porträtbüsten von Luther und Melanchthon. Von Halle aus unternahm er seine erste Studienreise nach Griechenland, die einen Wandel seiner künstlerischen Auffassung einleitete.


An der Burg festigte sich die am Bauhaus begründete, nicht immer konfliktfreie Künstlerfreundschaft, die Marguerite Friedlaender und Gerhard Marcks ihr ganzes Leben lang verband. Die sieben Jahre in Halle waren für beide eine beruflich wie privat glückvolle Zeit. Sie endete 1933, als sie gezwungen wurden, Halle zu verlassen. Anders als andere von den Nazis vertriebene Künstler, kehrten sie nach Kriegsende nicht wieder zurück. Friedlaender rettete ihr Leben durch Emigration über die Schweiz nach Holland und schließlich 1940 in die USA. Marcks wurde von den Nazis als „entarteter“ Künstler diskreditiert und zog sich in die innere Emigration zurück. Friedlaender ist heute in Europa für ihre Porzellanarbeiten berühmt, in den USA war sie in Zeiten der Hippiebewegung ein Geheimtipp für zivilisationsmüde Keramiker, die ihr neues Leitbild in der Bauhaustradition fanden. Marcks gilt neben Ernst Barlach, Wilhelm Lehmbruck und Georg Kolbe als einer der großen figürlichen Bildhauer des 20. Jahrhunderts. Mit seinem Werk steht er in der Tradition der klassischen europäischen Bildhauerei, für das Festhalten an der Figuration und am traditionellen handwerklichen Ethos.


Zur Ausstellung erscheint ein 160 seitiger Katalog. ISBN 978- 3- 932962-96-7
Im Rahmenprogramm zur Ausstellung findet am 29. November 2018 um 19.30 Uhr in den Kleinen Salon des Kunstvereins “Talstrasse“ ein von Andreas Höll, Redakteur für Bildende Kunst bei MDR Kultur, moderierten Gespräch mit Dr. Arie Hartog (Direktor Gerhard-Marcks-Stiftung, Bremen), Dr. Renate Luckner-Bien (Kuratorin), Barbara Schmidt (Professorin für Design an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee) und Dr. Katja Schneider (Kuratorin). www.kunstverein-talstrasse.de