Quellen traditioneller Musik

In Keadue in der irischen Grafschaft Roscommon findet jedes Jahr im August ein Musikfestival statt, das den letzten irischen Wander-Barden Turlough O´Carolan feiert.

Wer solch faszinierende Küstenlandschaften wie die grüne Insel Irland besitzt, dazu eine weltweite, zugegebenermaßen zugkräftige Marketingkampagne wie den „Wild Atlantic Way“ initiiert, läuft ein wenig Gefahr, dass die touristische Anziehungskraft sich überwiegend auf dieses Thema fokussiert. Der Rest fristet dann schnell ein Schattendasein. So ergeht es den  Grafschaften der irischen Midlands, oft sind sie nur Durchgangsstation auf dem Weg zu den attraktiven Küsten-Destinationen rund um die Insel. Dabei verpasst man manche Perle, die wie so oft im Verborgenen blüht. Keadue im County Roscommon ist solch ein Fall. Aber Hand aufs Herz: Die 200-Seelen-Gemeinde am Lough Meelagh würde wahrscheinlich völlig übersehen, wenn sich hier nicht eine Dorfgemeinschaft zusammengefunden hätte, die den traditionellen irischen Werten wie Musik, Tanz und den Community-Gedanken mit Leben erfüllt. Und dabei verständlicherweise auf eine nicht nur von Iren hochgeehrte Künstler-Persönlichkeit zurückgreift, die wie so vieles in der irischen Geschichte auch eine tragische Komponente aufweist.

 


Wander-Barde mit Harfe und Pferd
Denn der am Ortsrand von Keadue, nur einen Steinwurf vom See und der Quelle der Heiligen Lasair entfernt, begrabene Turlough O´Carolan (1670-1738) gilt nicht nur als der eigentliche irische Nationalkomponist, er ist als letzter Wander-Barde Irlands auch heute noch weit über die Musikszene hinaus gegenwärtig. Sein Schicksal, das ihn im Alter von 18 Jahren an Pocken erkranken und völlig erblinden ließ, hielt ihn nicht davon ab, großartige Harfenmusik zu komponieren, zu spielen und durch die Lande zu tragen. Bis heute sind noch über 200 Stücke erhalten geblieben, die zum reichen nationalen Musikerbe Irlands zählen. O´Carolan, als Sohn eines Hufschmieds in Nobber im County Meath geboren, zog mit seiner Familie1684 nach Ballyfarnon ins benachbarte Roscommon. Dort bekam sein Vater Arbeit bei der MacDermot Roe Familie in Alderford House, die sich auch um seine Bildung kümmerte und ihm das Harfenstudium ermöglichte.
Mit 21 Jahren bekam er ein Pferd, eine Harfe und einen Begleiter und zog fortan für über 40 Jahre lang als Komponist und Harfenspieler durch die Lande. Er verband in seinen Stücken traditionelle irische Melodien mit dem Stil europäischer Barockmusik und schuf so einzigartige Stücke voller Wohlklang. Jeder Gastfamilie, die ihn aufnahm, widmete er ein „Planxty“, einen musikalischen Gruß und ein Dankeslied für die erhaltene Gastfreundschaft. Im Alter von 50 Jahren heiratete er 1720 Mary Maguire, mit der er sechs Töchter und einen Sohn bekam. Ihr erstes Heim war ein kleines Cottage auf einem Stück Land bei Mohill im County Leitrim. 1733 starb seine Frau Mary, nur fünf Jahre später am 25. März 1758 auch er. Begraben wurde er in der Familiengruft der McDermot Roe´s bei Keadue, ein magischer Ort voller Mystik, Bescheidenheit und Harmonie, eine letzte Ruhestätte, die man besuchen kann und die eine besondere Ausstrahlung besitzt. Die jährliche in Keadue stattfindende Harfenfestival-Woche erinnert an Turlough O´Carolan, sein Leben und Werk und fand in diesem Jahr nun schon zum 37. Male hier statt.    
Hannah und der Weg nach Westen
Einen ganz so weiten Weg wie Turlough hat sie nicht zurücklegen müssen, und das Auto ersetzt heute natürlich längst schon das Pferd. Aus der kleinen Ortschaft Balla im County Mayo ist Hannah mit ihrer Mutter nach Keadue angereist, um beim Harfenwettbewerb der Unter-Zehnjährigen am O´Carolan-Festival teilzunehmen. St. Ronan´s Hall: Ein an eine Turnhalle erinnerndes Gemeindezentrum mit Holzdielen-Boden, der sich gut eignet für die Céili-Tanzabende und sonstige Vergnügungen. Eine kleine Bühne, an deren Ende sich über ihre ganze Breite ein großes, etwas verblichenes Wandgemälde des nahen Lough Meelagh hinzieht. Ein Stuhl auf der Bühne, ein Tisch mit sechs Kristallschalen und Pokalen, daneben ein Schild: Sponsored by Arigna Fuels, soviel Werbung darf sein, schließlich ist das nur eine viertel Stunde Fahrzeit entfernte Schaubergwerk der Arigna Mining Experience eine lohnenswertes Ausflugsziel für Gruppen, die dort die Bergbauvergangenheit der Gegend authentisch erleben können. Hannah stört das alles wenig, auch die eher strengen Blicke der Jury beeindrucken sie nicht. Sie hat einfach Spaß am Harfenspiel, das spürt man sofort. Obwohl sie erst seit einem Jahr das Instrument besitzt, ist ihr Können einfach virtuos. Bis zu ihrem Auftritt dauert es noch ein Weilchen, da kann man mit dem iPad noch allerhand anstellen. Rund 200 Menschen haben hier Platz, am Abend des Headline-Konzertes mit der berühmten Akkordeon-Spielerin Sharon Shannon reicht das natürlich kaum. An diesem Samstagvormittag ist die Plastik-Bestuhlung etwas großzügig gewählt, einige Gemeindemitglieder haben wohl noch den Tanzabend mit Patrick Feeney in den Beinen oder schonen sich für die große Festival-Parade am Sonntag. Da macht auch das ganze Dorf mit, selbst die drei Pubs sind mit Motivwagen dabei. Hannah aber spielt „George Brabazon“ von O´Carolan und den Reel „Come West along thr road“. Ihr Fuß wippt auf und ab im Takt, konzentriert, anfangs ein wenig angespannt, aber fehlerlos präsentiert sie ihr O´Carolan-Stück. War das Ehrfurcht vor dem großen Namen? Beim Reel dreht sie dann richtig auf, das Tempo kommt ihr entgegen, der Tanzrhythmus lässt die Seele der Zuhörer hüpfen und Hannah lächeln. Noch ein Junge und zwei Mädchen folgen, Preisverleihung ist am Nachmittag. 


Feen-Tanz auf einer Waldlichtung
Auch Erwachsene Harfenspieler/rinnen tragen einen Wettbewerb aus, selbst aus Japan, Brasilien und der Schweiz sind Musiker angereist. Die Harfenklänge verwandeln den Raum in eine Lichtung im Wald, auf die Sonnenstrahlen fallen und die Feen zu tanzen beginnen. Man wagt kaum zu atmen, auch die 50 Zuhörer geben keinen Laut von sich, wiegen höchstens ihre Oberkörper im Klang der sphärischen Harfenlaute. Nach der Hälfte der aufgetretenen Musiker schweifen einige verstohlene Blicke hinüber zur „Mineral Bar“ in der Ecke der Halle. Der Heilige Ronan mag es verzeihen, dass wir uns nicht nach dem Wasser seiner Tochter, der St. Lasair-Quelle am Ortsrand sehnen, sondern es uns nach dem anderen Zapfhahn dürstet, aus dem das eher schwarze Wasser fließt. Doch diese Bar bleibt noch bis zum Abend geschlossen. Aufatmen dagegen bei Fearghal McCartan aus dem County Down, der mit großartigem Spiel die Open Competition 2015 gewinnt. Gewonnen hat aber der ganze Ort, denn was Keadue während des Festivals alles auf die Beine stellt und auf die Bühne bringt, braucht sich wahrlich nicht zu verstecken. Auch vor dem imposanten Kilronan Castle nicht, das in einem herrlichen Parkgelände am See gelegen ist und als luxuriöses Hotel Hochzeitsgäste und Besucher aus aller Welt begrüßt. Das Keadue und sein O´Carolan-Festival Jung und Alt begeistern, spricht sich hoffentlich herum. Auch Hannah wird es in guter Erinnerung behalten. Die Jury betonte: Wir alle suchen nach dem sanften, melodischen Sound der Harfe – und wir haben ihn heute gefunden. The winner is: Hannah Lyons.    

Jörg Berghoff