Mutiges Magdeburg erleben

  • Spannende Architektur in Magdeburg
  • In Reportagen

Architekturführerin Carmen Niebergall und Magdeburg Marketing-Geschäftsführer Hardy Puls blicken auf die architektonischen Touren-Highlights 2022.

Wo Gotik auf Bauhaus und Romanik auf visionäres Bauen trifft: Magdeburg lädt zu einer Zeitreise durch die Architektur ein.

Stolze 1.217 Jahre Historie zeichnen hier die Straßen. Die bewegte Geschichte der Stadt zaubert vielfältige Fassaden – von den Verzierungen aus der Gründerzeit über die Betonplatten der DDR bis hin zu den grünen Dächern auf dem neuzeitlichen Bauwerk Hundertwassers. Und über allem thront mächtig der Magdeburger Dom, der erste gotische Sakralbau Deutschlands. Carmen Niebergall von tourenreich, Anbieterin für Architektur- und Kunstreisen in Mitteldeutschland, und Magdeburg Marketing-Geschäftsführer Hardy Puls verraten im Interview, was Magdeburg-Gäste nicht verpassen dürfen.

 

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Lassen Sie uns mit Ihren Top 3 starten. Was sind Ihre Lieblingsgebäude in Magdeburg?
Carmen Niebergall: Spektakulär ist die Blitzfassade in der Otto-Richter-Straße. Dazu gibt es eine schöne Geschichte zu erzählen. Generell liebe ich genau die Magdeburger Gebäude, hinter denen sich spannende Anekdoten verbergen. Zur damaligen Zeit, als Architekt Carl Krayl in den 1920er Jahren die futuristischen Fassaden gestaltete, trafen sich die Bewohner jeden Samstagabend in den Rondellen in der Straße, als plötzlich ein Gewitter aufzog, während eine Mama mit ihrem kleinen Sohn nach Hause lief. Es blitzte und donnerte. Und genau vor dem mit Mustern bemalten Haus schrie der Junge: „Mama, Mama, schau mal, hier hat der Blitz eingeschlagen.“  Seitdem ist es unser ‘Blitzhaus‘. Weiterhin zählt zu meinen persönlichen Highlights die Hermann-Beims-Siedlung als größte soziale Siedlung der damaligen Zeit. Für mich gleicht sie einer Wagenburg, einem Dorf in der Stadt. Die Straßen sind hier alle nach Bördedörfern benannt. An dritter Stelle steht für mich der Westfriedhof mit der besonderen Historie von Architektur und Kunst. Ein Friedhof auf Platz 3 der Architektur-Highlights mag ungewöhnlich erscheinen. Aber auf meinem Architektur-Spaziergang „Ein Museum, das lebt“ tauchen wir in die außergewöhnliche Gestaltung, die Geschichten und Nutzung des Friedhofs ein.

Hardy Puls:  Ich fange etwas klassischer an, mit dem Magdeburger Dom als Wahrzeichen der Stadt. Für fast alle Touristen ist unser größter und wichtigster Sakralbau der Fixpunkt. Mit mehr als drei Jahrhunderten Baugeschichte steht er sinnbildlich für die Entstehung von Architektur. Und rund um den Domplatz sammeln sich 1.000 Jahre Architekturgeschichte in allen Facetten.

Carmen Niebergall: Sogar das Bauhaus ist hier zwischen den barocken Fassaden vertreten. Das heutige Dommuseum Ottonianum ist in die alte Magdeburger Staatsbank eingezogen. Innendrin sind sogar noch die Farben aus den 1920er Jahren zu sehen.

Hardy Puls: Als zweites Gebäude, im Sprung durch die Zeit, zählt die Grüne Zitadelle von Magdeburg zu meinen Top 3. Viele Menschen kommen extra für das Bauwerk von Friedensreich Hundertwasser in die Stadt. Gerade neulich habe ich ein Ehepaar aus Delaware getroffen – riesige Hundertwasser-Fans, die auf ihrer Europareise nur für die Grüne Zitadelle nach Magdeburg gekommen sind. Was sie so einzigartig macht ist die Faszination Architektur weiterzudenken und künstlerisch über Grenzen zu gehen. Wir können stolz auf dieses Haus sein. Was meines Erachtens Magdeburg-Besuchende darüber hinaus nicht verpassen sollten, ist die Gartenstadt-Kolonie Reform. Ich persönlich mag die Grundidee der Gartenstadtsiedlung, das Versprechen von Luft, Licht und Grün. Bis heute spiegelt das den typisch deutschen Traum vom Häuschen im Grünen wider.

Frau Niebergall, Sie machen die Entdeckung Magdeburgs beeindruckender Architektur auf besondere Weise möglich. Welche Touren-Highlights stehen 2022 auf dem Programm?
Carmen Niebergall: Stichwort Siedlung Reform: Hier spazieren wir durch, vom Technikmuseum mit der Pilotenrakete gehen wir über die Leipziger Straße und enden in der Musterwohnung aus den 1920er Jahren. Ansonsten sind wir viel auf dem Fahrrad unterwegs. Seit fast sieben Jahren stehen Fahrrad-„Architektouren“ zur Moderne auf meinem Programm. Weil die Moderne in Magdeburg so auseinandergezogen ist, bieten sich die Radrouten perfekt an. Mit einem Audiosystem hören mich die Teilnehmenden im Ohr und wir können wunderbar die Stadt erkunden. Neuestes und ganz besonderes Highlight für alle Bauhausfans sind dieses Jahr die Rundflüge. Entweder mit dem Gyrocopter oder einem Como Ikarus Flugzeug können Einzelpersonen, aber auch zwei Fluggäste parallel, über die Bauhaus-Sensationen von Magdeburg bis Dessau hinwegfliegen.
Besonderer Höhepunkt für Gruppenführungen ist zudem der Architektur-Spaziergang „Häuser, Legenden und Sagen“. Es gibt aberwitzige Geschichten zu erzählen, die die Gäste amüsieren und nachdenklich machen.

Bauhaus-Fans kommen also auch nach dem großen Jubiläum 2019 „100 Jahre Magdeburger Moderne“ auf ihre Kosten. Welche besonderen Spuren hat diese avantgardistische Designbewegung hier hinterlassen?
Carmen Niebergall: Für mich hat sie vor allem wichtige gesellschaftliche Spuren in Magdeburg hinterlassen. Sparsames Wirtschaften in Verbindung mit neuem Bauen war die damalige Herausforderung. Die geniale Idee von Hermann Beims und seinen Mitstreitern war, Bedingungen für die Menschen in und um Magdeburg zu schaffen, so dass sie gern hier leben und gern zur Arbeit gehen. Man hat so erstmals begonnen, öffentlich im breiten Rahmen über Stadtplanung und Architektur zu diskutieren. Bruno Taut rief mit „Der Regenbogen“ zum farbigen Bauen auf, entwarf ausgezeichnete Grundrisse. Die Jubiläen unserer verschiedenen Bauhaus-Giganten in Magdeburg sollten wir nutzen, um die Entwicklungen dieser damaligen 20er Jahre ins heutige Bauen einfließen zu lassen.

Hardy Puls: Architektur ist immer Ausdruck eines Zeitgeistes. Das zeigt sich in der Moderne wunderbar. Die Bauweise war progressiv und nach vorne gerichtet - und vor allem für alle Bürger gedacht. Es ging den Machern um besseren und hygienischeren Wohnraum für die Familien dieser Zeit. Das steht sinnbildlich für unsere Stadtgeschichte. Magdeburg war immer eine sehr volksnahe und demokratische Stadt. Zukunftsweisend waren in den 1920er Jahren die Generalsiedlungspläne für die gesamte Stadt. Es beweist Mut, auf einem großen Stadtareal zu planen und nicht nur auf Siedlungsgröße.

Carmen Niebergall: Es ist immer wieder beeindruckend, in welcher enorm kurzen Zeit damals bis zu 15.000 Wohnungen mit einem hohen Wohnwert sowie modernen Grundrissen geplant und gebaut wurden.  Hier lebt es sich heute noch sehr gut.  

Lassen Sie uns noch einmal weiter zurückgehen. Was macht Magdeburgs Baugeschichte aus?
Hardy Puls: Spannend ist für mich die Zeit, in der Magdeburg im Rahmen der Industrialisierung einen großen Entwicklungsschritt machte. Wir waren damals an der Speerspitze Deutschlands. Einerseits bringt diese Zeit architektonisch die großen Industriebauten mit sich – und natürlich das erarbeitete Geld. Dadurch konnte die barocke Bebauung des Breiten Weges, die Villen der Großindustriellen und einmalige Sehenswürdigkeiten wie die Gruson-Gewächshäuser entstehen. Und leider sind auch die wiederholten Zerstörungen Teil Magdeburgs. Der Wiederaufbau nach dem 30-jährigen Krieg und erneut nach dem Zweiten Weltkrieg zeigen die Stärke der Stadt.

Carmen Niebergall: Wir sind dadurch auch eine ganz besondere Stadt geworden, weil wir zwei Stadtzentren haben. Wir haben den Domplatz und den Marktplatz. Welche Stadt kann das schon von sich behaupten: Zwei Stadtkerne, die sich gut verbinden lassen und dazwischen noch das besondere Kloster Unser Lieben Frauen. Eine weitere Einzigartigkeit sind die in der Stadt verbliebenen Rayonhäuser. Napoleon war daran schuld, denn die beeindruckenden Fachwerkhäuser konnten innerhalb kürzester Zeit „eingepackt“ werden. So war Schussfreiheit erreicht. Irre Idee für Magdeburg.

Magdeburg kann offenbar Wandel und erfindet sich immer wieder neu. Welches sind heute die sehenswertesten baulichen Zeitzeugen für Besucher der Landeshauptstadt?
Carmen Niebergall: Ich bin begeistert, dass das Hamburger Architekturbüro Gerkan, Marg und Partner (GMP) für die Sanierung der Hyparschale sowie der Stadthalle gewonnen wurde. Es gibt Fans, die reisen für die Entwürfe dieser Architekten um die ganze Welt. Ein weiteres saniertes Highlight ist für mich der Elbbahnhof am Schleinufer, einst Sitz der damaligen Reichsbahndirektion, jetzt als Demenz-Zentrum genutzt. Hinter den Mauern verbirgt sich eine interessante Historie: Dichter Hans Christian Andersen ist hier am 10. November 1840 zum ersten Mal mit der Eisenbahn nach Leipzig abgefahren. Eine Original-Säule existiert noch, an der er ganz sicher einst gelehnt und auf seinen Zug gewartet hat. In der Gesamtheit mit dem Kunstgarten rund um das Kloster Unser Lieben Frauen finde ich das neue Ensemble gelungen. Noch unbedingt sehenswert: Die großartigen Max Uhlig-Fenster von internationaler Bedeutung in der umgebauten Johanniskirche.

Hardy Puls: Die Bebauung entlang der Elbe zeigt beeindruckend, wie sich Magdeburg seine Industriebrachen heute zurückerobert hat. Es ist schön zu sehen, wie sich das Leben an und mit der Elbe in den vergangenen Jahren intensiviert hat. Der Erholungsfaktor in den grünen Parkanlagen entlang des Flusses trifft auf alte und neue Architektur und endet im Wissenschaftshafen mit visionärem Charakter. Das neue Magdeburg ist entlang der Elbpromenade besser denn je zu erleben.

Gebucht werden können alle Termine vom Programm 2022 sowie individuelle Führungen über Carmen Niebergall www.tourenreich.de sowie über die Tourist Information Magdeburg www.visitmagdeburg.de