Fankultur im Fußball

Jetzt rollt er wieder, der Ball und der Rubel. Endlich, sagen diejenigen, denen das Leben am Wochenende zum Lauf mit der Lederkugel geworden ist. Um Gottes Willen die anderen, die anzweifeln, das Kultur etwas mit Fußballspielen zu tun hat.

Recht haben wohl eher die Erstgenannten, die in Fanclubs organisiert wieder Samstags wie Sonntags durch die Republik und ihre Bundesligastadien reisen, denn der große holländische Historiker und Kulturphilosoph Johan Huizinga erkannte schon in den vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts in seinem Standardwerk „Homo Ludens“, dass ein grundlegendes Element unserer Kultur das Spiel ist. Ohne die Lust und Fähigkeit des Menschen zum Spielen gäbe es keine Dichtung, keine Wissenschaft, keine Kunst und Philosophie. Und keinen Fußball, auch wenn diesen angeblich die Engländer erfunden haben. Von den Holländern, wissen nicht nur die Eingefleischten Fußballfans, kann man derzeit nicht nur auf dem grünen Rasen kreatives Fußballspielen lernen, auch Jugend-Fußballschulen von Ajax Amsterdam bis PSV Eindhoven gelten als vorbildlich in Europa. Hier wird das spielerisch-taktische Element gelehrt, dass so manchem deutschen Kraftprotz abhanden gekommen ist.

Dabei scheint es doch so einfach, das Objekt der Begierde so zu beherrschen, dass das Runde ins Eckige passt: Der Ball muss ins Tor, diese unumstößliche Wahrheit gilt noch heute, da in vielen Bereichen, manche fürchten in allen, die Medien- und Unterhaltungsindustrie das Kommando übernommen hat. Die Maße konnte sie noch nicht verändern: Zwischen 396 und 453 Gramm wiegt das Ding, besteht aus zwanzig Sechs- und zwölf Fünfecken, jede Kante der ausgestanzten Teilstücke ist 4,8 Zentimeter lang und wird durch einen Kunststofffaden von 18 Metern Länge zusammengehalten. Basta. Auch wenn sich die Fernseh- und Radiosender in den Zeiten, zu denen sie sich gerade einmal nicht gerichtlich die Fußballsendezeiten streitig machen, damit beschäftigen, ob Farbe und Größe des Balles vielleicht doch in Richtung Einschaltquotensteigerung verändert werden müsste. Dafür gibt es die Fanartikel der Sponsorenindustrie in allen Variationen. Millionen an Euros pumpen die Hauptsponsoren der 18 Bundesligavereine in die Clubs, in der festen Gewissheit, das Geld gut investiert zu haben. Medienpräsenz überall, Product Placement und Sympathiewerte durch die Kunst des kickenden Kaders und seiner unerschöpflichen Anhängerschar. So gehört es eben zum Lebensstil jenes Homo Ludens, als lebendige Litfaßsäule mit Fanschal, Mütze, Trikot, Club-CD mit Knopf im Ohr und Getränkedose samt Vereinsemblem den Sonderzug nach Dortmund zu besteigen, um die Seinen in der Fremde zu unterstützen.

Ganz besonders treue Fans schwören auf den „Club“, wie er liebevoll genannt wird, ein Traditionsverein aus der Frankenmetropole Nürnberg, der schon immer für eine Anekdote gut war. Club-Fan zu sein ist eine Lebensaufgabe, ein Treueschwur, wie ihn nur wenige im normalen Leben ablegen würden. Einmal Cluberer heißt immer Cluberer, komme da, was wolle. Leidens- und Durchhaltefähigkeit bis zur Selbstaufgabe zeichnen den Fan aus der Noris aus, nichts kann ihn in seiner Hingabe zum neunmaligen Deutschen Meister und fünfmaligen Pokalsieger erschüttern. Kein Max Merkel, einstiger Kulttrainer, der nach der Meisterschaft im folgenden Jahr das Kunststück fertig brachte, gleich wieder abzusteigen. Keine Schwarzen Kassen und kein Schatzmeister hinter Gittern, geschweige denn ein Präsident, der einen beliebten Trainer just nach einem prestigeträchtigen Sieg über den Erzrivalen Bayern München von der Trainerbank feuerte. Kein Absturz von der 1. Liga bis in die Regionalliga Süd und der bisher einmalige direkte Weg dorthin zurück. Kein bundesweites Gelächter, als man im Mai 1999 am letzten Spieltag im Frankenstadion sich für unabsteigbar hielt, und die Frankfurter Eintracht den Club in letzter Sekunde vom rettenden Ufer verdrängte. Die Riederwälder erwischte es allerdings ein Jahr später, als man den als Retter schon in Nürnberg gescheiterten Friedel Rausch als Trainer holte. All das zählt nicht, denn der Club-Fan zählt zu den Erleuchteten im Lande. Weiß er doch, dass nur der Weg des eigenen Teams das Ziel ist, egal wohin der führt. In Sonderzügen und Bussen am Wochenende quer durchs Land, und da man ja nun wieder in zweithöchsten Klasse angekommen ist, wird es auch keine Irrungen und Wirrungen mehr geben. Denn es konnte schon einmal passieren, dass der Zug der Fangemeinde im falschen Stadion landete. Aus Anhänglichkeit, versteht sich. Während die Mannschaft unterwegs war zum westfälischen Kontrahenten LR Ahlen, rollte eine Stunde vor Spielbeginn ein vollbesetzter Bus mit Fans der Franken im baden-württembergischen Aalen ein. Für die Weiterfahrt nach Ahlen war es natürlich zu spät. Dafür konnte man aber dem Trainer des schwäbischen Regionalligisten VfR Aalen die Aufwartung machen, denn Willi Entenmann hatte damals die Bayern besiegt, ehe er gehen musste.

Doch auch die Zeiten bayerisch-fränkischer Fußballkriege sind längst überwunden. Tradition, lehrt uns das Lexikon, sei die Weitergabe von Erfahrungen, Fähigkeiten, Kenntnissen und Einsichten. Lange Zeit haben die Franken auf weltmännische Erfahrung gesetzt, verpflichteten Spieler und Trainer aus allen Ecken der Welt, nun setzt man auf Bodenständigeres. Doch den Cluberern ist himmlischer Beistand während der schweren Saison im Kampf um den Aufstieg gewiss. In den Vorbereitungstrainingslagern auf die Saison taucht immer wieder einmal hoher Besuch auf. So überreichte einst der katholische Pfarrer von Neustadt an der Donau, Harald Kamhuber, den Franken eine geweihte Kerze als Glücksbringer und die frohe Botschaft von Kardinal Nikolaus von Cusanus. Der bedeutende Geistliche des 15. Jahrhunderts aus dem pfälzischen Kues, unweit der Stelle, an dem heute auf dem Betzenberg die Roten Teufel des 1. FC Kaiserslautern ihr Fußballwesen treiben, war verzweifelt, weil er den inneren Zusammenhang der Welt nicht mit der christlichen Lehre widerspruchsfrei erklären konnte. Woran glauben wir, was treibt uns umher? Im Traktat „De ludo globi“, entstanden in Gesprächen mit den ballverliebten Söhnen des Herzogs von Bayern, entdeckte er den Ball als Symbol göttlicher Vollkommenheit. Dieser rolle nach den Gesetzen des Zufalls und bringe das Neue in die wie ein Ball geformte Welt. Ordnung und Chaos, Vernunft und Wahnsinn, Stillstand und Bewegung, Oben und Unten, der Schlüssel zur Welt war gefunden: Die Übereinstimmung der Gegensätze. Was zählt da Ahlen oder Aalen, oder war es gar Aachen? Zufall? Die Cluberer vertrauen da sicher mehr einem Gregory Bateson, der in seiner „Ökologie des Geistes“ in der „Theorie des Spiels und der Phantasie“ schrieb, dass die bloße Ankündigung, es handle sich um ein (Fußball-)Spiel, einen paradoxen Rahmen schafft: „Alle Behauptungen innerhalb dieses Rahmens sind unwahr. Ich liebe dich. Ich hasse dich.“ Man kann das Seelenleben der Fußballfans nicht besser beschreiben. Der Fußballgott muss ein Franke sein.    Jörg Berghoff