Dreieck, Quadrat, Kreis, Haus.

  • Ohne Design ist heute fast alles nichts.
  • In Reportagen

Ob Möbelkatalog, Reiseprospekt oder Turnschuh, pardon, Sneaker selbstverständlich, man kann sich nicht dem Eindruck entziehen, selbst die banalsten Gegenstände des Alltags brauchen Design und trendige Namen.

Die fast schon inflationäre Verbreitung des Begriffs macht auch vor dem Tourismus nicht halt, warum auch. Man reist auf exklusiv „designten“ Routen, genießt kreative Menüfolgen im speziellen Restaurant-Ambiente und bettet sein müdes Haupt natürlich im Design-Bett samt Feininger-Druck auf dem Kopfkissen. Ein (Reise-)Leben ohne Design: Unvorstellbar. Doch woher kommt diese an sich brillante Idee, eine harmonische, ästhetische Einheit von Handwerk und Industrie, Kunst und Technik, Theorie und Praxis zu schaffen? „Bauhaus“ heißt das Zauberwort und in der Mitte Deutschlands, in Thüringen und Sachsen-Anhalt liegen seine Wurzeln. In Weimar gründete Walter Gropius 1919 eine Schule, die weltweit zum Begriff für eine Revolution in der Kunst geworden ist. Kunst nicht als Selbstzweck, Technik nicht reduziert auf Funktionalität, sondern beides miteinander vereint, das war das Grundprinzip der Bauhau-Künstler. Im Jahre 2019 wird nun das 100-jährige Bauhaus-Jubiläum gefeiert und zahlreiche Städte und Regionen haben sich dazu etwas einfallen lassen, auch in Sachsen gibt es herausragende Architekturzeugnisse dieser Epoche.

Modernes Wohnen und Kunst im Bauhaus gibt es in Leipzig, Chemnitz, Dresden, Weißwasser, Niesky und Löbau zu sehen. Sachsen mit seiner 1000-jähirgen Kulturgeschichte hat wie kaum ein anderes Bundesland das gesamte Architekturspektrum zu bieten – von Gotik Über Renaissance und Barock bis modern-minimalistisch. Was hat das Bauhaus mit Sachsen zu tun? Auf den ersten Blick nicht viel, aber wer genauer hinsieht, findet ein reiches Erbe der klassischen Moderne in der Architektur, der Kunst und im Design. Wer Sachsen mit Blick auf diese Epoche der Aufbruchsstimmung besucht, entdeckt manche Besonderheit.

 

Dr. Olaf Thormann, Grassi-Museum Leipzig


In Leipzig fanden die Bauhäusler ab 1923 sowohl auf den Grassimessen wie auch in den Hallen der Mustermesse ihr Podium für die jeweils neuen Gestaltungsideen. Die Ausstellung „Bauhaus Sachsen“ im Grassimuseum für Angewandte Kunst Leipzig, selbst Ort herausragender Bauhaus-Glaskunst mit seinem Josef-Albers-Fenster, geht den Verbindungen und dem Wirken der in Sachsen gebürtigen und tätigen Bauhäusler nach.

 

Die Versöhnungskirche (Foto oben) ist eine der wenigen bedeutenden Kirchenbauten der klassischen Moderne in Deutschland, errichtet in der Stahlbetonskelettbauweise im Sinne der Bauhausarchitektur mit bildkünstlerischer Ausstattung jener Zeit. Von ihrem Turm in 43 Metern Höhe eröffnet sich der Blick in die sogenannte Kroch-Siedlung.

 

Kunstsammlung Chemnitz, Dr. Antje Neumann-Golle, Kuratorin der sehenswerten Ausstellung "Bauhaus: Textil und Grafik 1919 - 1993

 

Dr. Jörg Feldkamp, Vorsitzender der Marianne-Brandt-Gesellschaft Chemnitz

Die 1893 in Chemnitz geborene Marianne Brandt ist die wohl bedeutendste deutsche Metallgestalterin. Produkte nach ihren Entwürfen sind in renommierten Museen auf der ganzen Welt ausgestellt, so im Museum of Modern Art in New York. Zum großen Teil werden sie unverändert noch heute in Serie produziert. Chemnitz würdigt sie mit einem eigenen Museum im Marianne-Brandt-Haus, ihr einstiges Elternhaus.

 

Natürlich steht auch das ehemalige Kaufhaus Schocken (Foto oben) in Chemnitz, 1930 erbaut von Star-Architekt Erich Mendelsohn, im Blickpunkt. Die herausragenden Merkmale sind die Fenster, der Grundriss ähnlich einem Tortenstück, die Stahl-Skelettbauweise und eine Vorhangfassade, hinter der sich heute das Staatliche Museum für Archäologie befindet.

 

Dresden Hellerau (Foto oben) ist die erste Gartenstadt Deutschlands und ebenso wie das Festspielhaus Hellerau ein Produkt der Deutschen Werkstätten für Handwerkskunst. Ein Spaziergang durch diesen Dresdner Stadtteil mit seinen kleinen, von hübschen Vorgärten gesäumten Häuschen, öffnet heute den Blick für den zweckmäßig gestalteten Lebens-und Arbeitsraum dieser Zeit.

 

Die Reise führt weiter ins Deutsche Hygiene-Museum Dresden (Foto oben). Der imposante Bau von Wilhelm Kreis, vereint die klaren Linien des Bauhauses mit monumental-klassizistischen Elementen. Die umfassende Generalsanierung bis 2010 nach Plänen von Peter Kulka versetzte das Gebäude weitestgehend in den Originalzustand. Die Architektur-Sonderführung „Von Wilhelm Kreis bis Peter Kulka“ stellt den spannungsvollen, ästhetisch überzeugender Dialog der Stile her. Dresdens bedeutender Beitrag zur Moderne wird in der Sonderausstellung „Zukunftsräume. Kandinsky, Mondrian, Lissitzky und die abstrakt-konstruktive Avantgarde in Dresden 1919 bis 1932“ im Albertinum visuell erfahrbar.

 

Das Glasmuseum Weißwasser (Foto oben) ist das einzige seiner Art in Sachsen und darüber hinaus in den ostdeutschen Bundesländern. In der einstigen Villa der Unternehmerfamilie Gelsdorf, die als erste erfolgreich eine Glashütte betrieben hatte, finden heute die bahnbrechenden Lampen- und Glasentwürfe von Wilhelm Wagenfeld breiten Raum.

 

 

Als einer der ersten Architekten in Deutschland beschäftigte sich Konrad Wachsmann ausgiebig mit industrieller Vorfertigung. Ab 1926 war er Chefarchitekt des auf Holzbauten spezialisierten Unternehmens Christoph & Unmack AG in Niesky in der Oberlausitz. Das hölzerne Konrad-Wachsmann-Haus (Foto oben) gehört neben dem Albert Einstein Haus in Caputh und dem Haus Dr. Estrich zu den zwei einzigen in Deutschland erhaltenen Wachsmann-Bauten. Die Stadt Niesky hat das bedeutende Baudenkmal nach dem originalen Farbkonzept saniert und für Besucher geöffnet.

 

Den grandiosen Abschluss einer Reise zur Modernen Atchitektur und zu großen Bauhauskünstlern bildet das Wohnhaus Schminke (Foto oben) in Löbau. Erbaut von Hans Scharoun für den Löbauer Nudelfabrikanten Fritz Schminke, fehlt es in keinem Architektur-Lexikon. Denn es ist eines der weltweit vier herausragenden Beispiele der Stilrichtungen "Neues Bauen" und "International Style". Bereits 26 Jahre nach seiner Fertigstellung wurde das Haus Schminke als revolutionär geltendes Architekturwerk der Moderne denkmalrechtlich erfasst und 1978 schließlich unter Denkmalschutz gestellt. Man kann es besichtigen, darin feiern und sogar zur Übernachtung mieten – und natürlich auch die legendären Nudeln essen.

 

Veranstaltungen


„BAUHAUS_SACHSEN“, 19.4.2019 – 6.10.2019, GRASSI Museen Leipzig
Die GRASSI Museen Leipzig gestalten von April bis Oktober die Ausstellung „BAUHAUS SACHSEN“. Der Messeplatz Leipzig war seit 1923 für das Bauhaus enorm wichtig. Sowohl auf den Grassimessen wie auch in den Hallen der Mustermesse fanden die Bauhäusler ihr Podium für die jeweils neuen Gestaltideen. Die sächsische Industrie erwies sich als potenter Partner für die Schule. Bauhaustypographie und – Bildästhetik fanden Eingang in sächsische Verlagsprodukte. In der modernen Architektur Sachsens hinterließ das Bauhaus prägnante Spuren. Kunstgalerien und Museen in Dresden, Chemnitz und Leipzig stellten die Werke der Bauhausmeister aus. Die Ausstellung geht diesen Verbindungen und dem Wirken der in Sachsen gebürtigen und tätigen Bauhäusler nach.

 

Oskar Schlemmer „Das Triadische Ballett“, 7. + 8.6.2019, Musikfestspiele Dresden, Schauspielhaus, 20.00 Uhr
Die Bauhaus-Bewegung prägte nicht nur die Bildende Kunst, Architektur und Design des 20. Jahrhunderts, sondern schuf mit Oskar Schlemmers 1922 in Stuttgart uraufgeführtem „Triadischen Ballett“ auch eines der faszinierendsten Tanzstücke der Weimarer Republik, das mit dem Konzept einer dreifachen Ordnung spielte: Raum – Form – Farbe, Kreis – Quadrat – Dreieck, Bewegung – Kostüm – Musik. Gerhard Bohners spektakuläre choreografische Neufassung zu Hans Joachims Hespos‘ Musik von 1977 mit von Ulrike Dietrich rekonstruierten Kostümen war eine der erfolgreichsten Produktionen der jüngeren Tanzgeschichte. Zwanzig Jahre nach Bohners und siebzig Jahre nach Oskar Schlemmers Tod ließen Ivan Liska und Colleen Scott – beides ehemalige Solisten in Bohners Fassung – dieses stilprägende Tanzexperiment wieder aufleben.

 

Dresdner Moderne? Architektur und Stadtplanung 1919 bis 1939, 22.06. - 06.10.2019, Stadtmuseum Dresden                                                 In Dresden wurde 1927 das erste Kugelhaus der Welt errichtet, es entstanden Laubenganghäuser mit Flachdach und Schulbauten mit Montessori-Räumen. Gropius gestaltete ein Grabmal. Aber waren das nur Einzelbeispiele? In Sonderausstellung und Buch wird der Frage nachgegangen, ob es eine Dresdner Moderne gab, und wenn ja, wie sie aussah und wo sie zu finden ist.

 

Druckkunst 1919 - Das Bauhaus und seine Vorläufer im grafischen Gewerbe, 30.06. - 27.10.2019, Museum für Druckkunst Leipzig     Schon vor der Gründung des Bauhauses hat die Druckkunst die Sichtweisen auf moderne Gestaltung geprägt und maßgeblich beeinflusst. Mit einem Querschnitt durch das Jahr 1919 zeigt die Ausstellung am Beispiel von Plakaten, Werbedrucksachen, Zeitschriften, Büchern, Schriftmustern und Fotografien, wie innovativ das Druckgewerbe und die Gebrauchsgrafik in Deutschland kurz nach dem Ende des Ersten Weltkriegs waren. Schon vor der Gründung des Bauhauses hat die Druckkunst die Sichtweisen auf moderne Gestaltung geprägt und maßgeblich beeinflusst.

 

Touristische Vernetzung der Bauten der Moderne im Dreiländereck
Die "Topographie der Bauten der Moderne« will ein ergänzendes kulturtouristisches Angebot in der Euroregion entwickeln. Das Projekt setzt sich zum Ziel, international bedeutende Häuser des »Neuen Bauens« gemeinsam mit deutschen und tschechischen Forschungseinrichtungen zu untersuchen und als touristische Bausteine grenzübergreifend vernetzen. Die Häuser sollen Besuchern durch qualifizierte Touren, ein innovatives IT-Wegeleitsysteme und eine Wanderausstellung dauerhaft zugänglich gemacht und mit den bereits vorhandenen Kulturangeboten verbundenen werden. Als erster touristischer Anlaufpunkt soll im Haus Schminke in Löbau ein internationales Informationszentrum eingerichtet werden. Weitere Informationen unter www.topomomo.eu . Topomomo: Topography of the modern Movement, hat die erhaltenen Wohnbauten, Schulen, Fabriken, Rathäuser und Kirchen im Dreiländereck untersucht und erzählt nun ihre Geschichte. Es gibt 6 Topomomo-Touren zu 32 Objekten (darunter 14 in Sachsen), die man sich individuell zusammenstellen kann. Das Vorhaben wird als "Ziel-3-Projekt" aus dem Europäischen Fond für regionale Entwicklung durch die Europäische Union gefördert.

 

Beteiligung an der Grand Tour der Moderne
Die zehn im „Bauhaus Verbund“ vereinigten Bundesländer bieten eine „Grand Tour der Moderne“, für die deutschlandweit 180 Objekte ausgewählt wurden. Somit soll das Jubiläumsjahr im gesamten Bundesgebiet erschlossen werden. Sachsen ist mit insgesamt elf Objekten vertreten. Die Grand Tour verknüpft die sinnliche Erfahrung des Reisens mit der Lust an der Entdeckung und dem Verstehen von Geschichte und Gegenwart. Die Orte wurden vom Bauhausverbund 2019 auf der Grundlage ihrer kulturhistorischen Relevanz ausgewählt und zu einer attraktiven Reiseroute verbunden, die mit der Bahn, dem Auto oder dem Fahrrad erfahren werden kann. Klassische Ikonen und Streit-Objekte, Schlüsselbauten und Nebenschauplätze, Einzelgebäude und Siedlungen – das Spektrum reicht von den authentischen Bauhaus-Orten und UNESCO-Welterbestätten bis zu exemplarischen Bauten der Früh- und Nachkriegsmoderne.

 

Informationen

www.sachsen-tourismus.de

 

Hotelempfehlungen:
Hotel Gewandhaus Dresden, Adresse: Ringstraße 1, D-01067 Dresden, Tel.: +49 (0)4935-149490, www.gewandhaus-hotel.de
Hotel Vienna House Easy Leipzig, Goethestraße 11, D-04109 Leipzig, Tel.: + 49 341 991 539983, www.viennahouse.com

Haus Schminke Löbau, www.stiftung-hausschminke.eu
Die Stiftung hat einen lesenswerten Bildband „Der Moderne Blick“ (ISBN 978-3-00-061670-9, 160 Seiten) herausgegeben, der bei der Stiftung Haus Schminke, Kirschallee 1b, D-02708 Löbau, Telefon: +49 (0) 35 85 / 86 21 33, erhältlich ist.

Museum Niesky, Konrad-Wachsmann-Haus, Goethestraße 2, D-02906 Niesky, Telefon: +49(0)3588 2239793, www.wachsmannhaus.niesky.de

smac – Staatliches Museum für Archäologie Chemnitz, Stefan-Heym-Platz 1, D-09111 Chemnitz, Telefon: +49 (0)371 911 9990, www.smac.sachsen.de

Marianne Brandt-Gesellschaft, Marianne Brandt Haus, Heinrich-Beck-Straße 22, 09112 Chemnitz, Telefon +49(0)371 4005777

Deutsches Hygiene-Museum Dresden, Lingnerplatz 1, 01069 Dresden, Telefon: +49 (0) 351 4846 400, www.dhmd.de

Festspielhaus Hellerau, Karl-Liebknecht-Str. 56, 01109 Dresden, Telefon: +49 351 26462 46, www.hellerau.org