Ernährung, Mensch, Tier, Umwelt

  • Zerstören wir unsere Lebensgrundlagen und Gesellschaften?
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Soeben ist das neue Buch von Corine Pelluchon in der Wissenschaftlichen Buch Gesellschaft erschienen: »Wovon wir leben. Eine Philosophie der Ernährung und der Umwelt« (978-3-534-27241-9 € 50,-).

Unser politisches System fokussiert auf die Souveränität der Menschen und vernachlässigt dabei die drohende Umweltkatastrophe. Unter Rückgriff auf die Phänomenologien von Levinas, Derrida und Ricœur entwirft Corine Pelluchon eine Existenzphilosophie, die auch Tierwohl und Umweltschutz im Blick hat. Ihre Phänomenologie des "Lebens von" nimmt die Körperlichkeit des Subjekts ernst. Alles, von dem wir leben, ist nicht nur Ressource, sondern Nahrungsmittel; das Bewohnen der Erde ist ein Zusammenwohnen mit anderen Menschen und Spezies. In Anschluss an Heideggers Ontologie der Sorge ist die menschliche Abhängigkeit für Pelluchon kein Zeichen der Schwäche. Stattdessen ist die Tatsache, dass wir durch die Welt der Natur ernährt werden, ein Grund zur Freude.

 


In politischer Konsequenz aus den philosophischen Gedanken schlägt das Buch einen neuen Gesellschaftsvertrag vor, der die Tierfrage und die Ökologie in das Herz der Republik einschreibt und der Demokratie ermöglicht, sich neu zu erfinden. Während Pelluchon in »Ethik der Wertschätzung« eine Tugendethik entwickelt, um mit den Herausforderungen unserer modernen Welt umzugehen, ist die grundlegende Inspiration dieses Buches die Lust und die Liebe zum Leben.  
Pelluchon betrachtet das Subjekt vornehmlich ausgehend von seiner Körperlichkeit anstatt vom Geist. Sie betont, dass der Mensch nicht primär in seiner Freiheit und Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen, zu denken ist, sondern als genussfähiges Gourmand-Cogito, das in seiner sinnlichen Welt verankert und stets von dieser abhängig ist.  »Eine Philosophie des »Lebens von« […] verbindet Existenz und Ökologie und denkt diese als die Weisheit, die Erde zu bewohnen. Sie dient als Grundlage für neue Umweltwissenschaften und das demokratische Projekt eines ökologischen Wandels, dessen vier Säulen der Schutz der Biosphäre, die Gesundheit, die Gerechtigkeit und die Achtung der Tiere sind.« Corine Pelluchon in Die Zeit. Indem Pelluchon das Fühlen des Menschen und sein Miteinander-in-der-Welt-Sein mit den Tieren und der Umwelt ins Zentrum ihrer Philosophie rückt, gelingt es ihr, einen neuen Gesellschaftsvertrag zu konzipieren, für den die Ökologie und der Tierschutz von zentraler Bedeutung sind. Während unser derzeitiges politisches System die Souveränität des Menschen fokussiert und dabei die drohende Umweltkatastrophe vernachlässigt, fordert Pelluchon in »Wovon wir leben« einen neuen Humanismus und ein neues Denken von Demokratie, die beide die Liebe zum Leben zum zentralen Prinzip erklären.  Prof. Dr. Corine Pelluchon lehrt Philosophie an der Université Paris-Est-Marne-la-Vallée. Ihre Schwerpunkte sind Moralphilosophie, Politische Philosophie sowie angewandte Ethik (Bioethik, Umwelt- und Tierethik). Sie ist Trägerin des Günther Anders-Preises für kritisches Denken 2020. Ab Oktober 2021 wird sie Fellow am The New Institute in Hamburg sein.  www.-wbg-wissenverbindet.de