EUROPA ENTDECKEN

  • Heute: Irland im Herbst und Winter
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Neues Online-Reise-Magazin: Europa besitzt eine großartige Vielfalt an attraktiven Reisezielen, die sich ausgezeichnet für jede Art an Entdeckungen, Kultur- und Natur- und Abenteuerreisen eignen. Und es steckt überall voller Überraschungen und unentdeckten Schätzen.

EUROPA ENTDECKEN

Alle Texte-Fotos-Redaktion: Jörg Berghoff, Beate Berghoff

Copyright: Pressebüro Berghoff

Das neue Online-Reise-Magazin EUROPA ENTDECKEN erscheint im PRB-PRESSEBÜRO BERGHOFF. Mit authentischen, selbst recherchierten Geschichten aus ganz Europa, mit Hintergründen und  Neuigkeiten. Wer das Magazin kostenlos als PDF oder Newsletter erhalten möchte, schickt bitte eine Nachricht an info@prberghoff.de mit seiner E-Mail-Adresse und seiner Einwilligung zur Zusendung. Wer interessiert ist an einer Kooperation oder Sponsoring der nächsten Ausgabe, die im Oktober 2022 erscheint, meldet sich bitte unter info@prberghoff.de Wir machen Ihnen dazu gerne Vorschläge. If you are interested in cooperation or sponsorship of the next edition please contact us info@prberghoff.de

Shannon, ein Wintermärchen

Irland im Winter ist eine Entdeckung.

 

Traditionelle Werte wie Geschichtenerzählen und Zeit für den anderen geben Raum für Erholung und Entschleunigung. Eine Reise entlang des Shannon von der Quelle bis zur Mündung stellt das eindrucksvoll unter Beweis. „Halte inne und öffne dich für die Schönheit des Augenblicks. Es wird keinen zweiten wie diesen geben … der flüchtige Moment ist der Edelstein aus den alten Legenden, nachdem alle suchen“ sagt eine keltische Weisheit, die uns daran erinnert, dass es noch andere Dinge gibt als immer mehr, immer schneller, immer höher und weiter. Das sich dem Ende zuneigende Jahr, der Jahreswechsel und der Beginn eines neuen Jahres bis zum Frühling, der alles neu zu erschaffen scheint, ist die geeignete Zeit für eine Reise zu traditionellen Werten wie Aufmerksamkeit, Gastfreundschaft und Muße, die gerade in dieser Jahreszeit in Irland besonders hervortreten.

Es gibt eine breite Palette an Winter- und Silvesterreisen, die nach bewährtem Muster konzipiert sind: charmantes Hotel, gute Küche, Besichtigung der ein oder anderen Sehenswürdigkeit in der Umgebung, Gala-Abend und nicht allzu weite An- und Abreise. Wer in dieser Jahreszeit einmal etwas anderes erleben will, findet in der Mitte Irlands eine Alternative, die im Winterhalbjahr ideal zum Thema Entschleunigung, Entspannung und Durchatmen passt. In den Grafschaften Cavan, Longford, Westmeath, Offaly, Roscommon Galway, Tipperary, Clare und Limerick, die das Herz der irischen Mitte darstellen, findet man dazu ausreichend Gelegenheit und erfährt dabei viel über Traditionen im Gestern und im Heute. Im Zentrum steht dabei Irlands mit 386 Kilometern längster und wasserreichster Fluss, der Shannon.

 

Auf der Suche nach der Quelle

 

Ein kleiner Teich, der Shannon Pot, markiert die Quelle des Flusses.

 

Das Abenteuer beginnt bereits mit der Suche nach der Quelle des Flusses. Was zum Teufel hat das Navigationsgerät jetzt wieder vor? Das Handy zeigt einen anderen Routenvorschlag, von der guten alten Karte ganz zu schweigen. Den Shannon Pot zu finden, jene Quelle, an der der Shannon das Licht der Welt erblickt, ist gar nicht so einfach. Der Shannon Pot, Log na Sionainne sein gälischer Name, ist ein kleiner Tümpel in der Karstlandschaft nördlich von Glengevlin in der Nähe des Cuilcagh Mountain in der Grafschaft Cavan. So unscheinbar er etwas versteckt in der hügeligen Landschaft auch liegt, umso beeindruckender ist die nahezu magische Atmosphäre, die diesen Ort umgibt. Es ist still hier draußen, absolut still. Selbst vom hübsch hergerichteten Besucherparkplatz drängt kein Laut herüber, man fühlt sich in eine andere Welt hineinversetzt. Man setzt sich auf die Bank an der Quelle und denkt daran, was dem kleinen Bach noch so alles auf dem Weg in den Atlantik begegnen wird. Und man freut sich, die Quelle dieses später so majestätischen Flusses gefunden zu haben, somewhere in the nowhere.

 

Die Brennerei in Drumshanbo mit gemütlichem Außenbereich.
 

Ein Drink in Drumshanbo und Dromod      
An der Südspitze des Lough Allen gelegen, ist das 900-Einwohner-Städtchen Drumshanbo in der Grafschaft Leitrim schon wesentlich leichter zu finden. Der Fluss nimmt hier Kurs auf Carrick-on-Shannon, den ersten größeren Tourismus-Hotspot entlang seiner Route. Drumshanbo lohnt sich nicht nur als Zwischenstopp, weil Van Morrison den Ort in seinem Song „Drumshanbo Hustle“ verewigt hat. Die bunten Häuser, der aufgeräumte Ortskern und eine inzwischen weithin bekannte Brennerei verleihen Drumshanbo einen nahezu internationalen Charakter. Eine Führung in der „The Shed Distilley Drumshanbo“ sollte man sich nicht entgehen lassen, nicht nur wegen der Kostprobe des großartigen Single Pot Still Irish Whiskey und des Gunpowder Irish Gin, der einem wahren Geschmackserlebnis gleichkommt.

 

Roisin Rigney führt kompetent und mit Enthusiasmus durch die Destillerie.

 

Wer das Glück hat, von Roisin Rigney, Tochter des Gründers und Inhabers, durch die Destillerie geführt zu den, spürt die besondere Kombination von Familientradition, Brennerei-Kunst und Kreativität, die hier in besondere Kostbarkeiten einfließen. Nur halb so groß wie Drumshanbo ist der kleine Ort Dromd, weiter südlich am Lough Bofin gelegen. Mancher rauscht auf der N 4 hier einfach vorbei auf dem Weg nach Longford, dabei ist Dromod eine kleine Perle am Shannon. Beliebt ist der Ort vor allem bei Anglern, denn Dromod Harbour liegt idyllisch am See und bietet Ruhezonen und geschützte Plätze für ein Picknick im Freien am Wasser. Auch das Cavan and Leitrim Railway Museum verdient einen Besuch.

 

Der beschauliche Hafen von Dromod.

 

Kaffeelust in Lanesborough

 

Im Lanesbrew wird man verwöhnt mit Kaffee und Kuchen.

 

Der nächste Halt auf der Route zur Shannon-Mündung kommt eher zufällig daher, denn in Lanesborough im County Longford wird der Kaffeedurst so groß, dass man einem kleinen grün angestrichenen Häuschen mit der Aufschrift „Lanesbrew“ nicht widerstehen kann. Eine gute Entscheidung, denn in der ehemaligen Metzgerei, die sich in ein kleines Kaffeehaus verwandelt hat, gibt es nicht nur frisch geröstete Bohnen, sondern auch leckere hausgemachte Kuchen und Kekse. Außerdem erfährtan einmal wieder, wie international es in der „irischen Provinz“ zugeht: äußerst zuvorkommend bedient wird man hier von Andrea Rudolf, die aus der schweiz stammt, von Bartira Augelli aus Brasilien und von Marie Dennigan, die Irin ist für die süßen Köstlichkeiten zuständig.


Lanesboroughlund das Lanesbrew lässt die Herzen aller Kaffeeliebhaber höher schlagen.

 

Aufstrebendes Athlone Town

 

Das Hodson Bay Hotel nördlich von Athlone ist ein wahres Schmuckstück mit idyllischer Lage.

 

Die rund 15.000 Einwohner zählende Kleinstadt Athlone liegt am südlichen Ende des Lough Ree, etwa 130 km westlich von Dublin entfernt. Athlone ist ein Verkehrsknotenpunkt und seit vielen Jahrhunderten der wichtigste Übergang über den Fluss Shannon. Die Stadt hat heute besondere Bedeutung für die touristische Shannon-Schifffahrt, der westliche Teil liegt im County Roscommon, der größere östliche Teil im County Westmeath. Athlone ist darüber hinaus der geografischen Mittelpunkt Irlands und das Hodson Bay Hotel ein wunderbares Refugium auf einer Halbinsel am Lough Ree, der in dieser Jahreszeit so ruhig und majestätisch daliegt. In Athlone lohnt sich ein Rundgang auf den Spuren des berühmten Sohnes der Stadt John Count McCormack (1884-1945), der Tenor war nicht nur in Amerika, sondern auch auf den Opernbühnen Europas ein gefeierter Star. Auch Athlone Castle sollte man besichtigen, die normannische Burg wurde 2013 in ein erlebenswertes Museums- und Besucherzentrum verwandelt, das mit moderner Präsentation die bewegte Geschichte der Stadt lebendig werden lässt. Besonders der Ausstellungsbereich über die große Belagerung Athlones von 1690 als Teil des Europäischen Krieges zwischen den Anhängern des protestantischen Königs Wilhelm von Oranien und den Jakobiten, den Unterstützern des entthronten König James von England, wird hier audiovisuell ergreifend dargestellt.


Traditionelles Shannonbridge

 

Eine imposante Steinbrücke über den Fluss führt nach Shannonbridge.

 

Auf dem Weg zum geistlichen und geistigen Zentrum Irlands, der beinahe märchenhaft an einer Shannon-Biegung gelegenen Klostersiedlung Clonmacnoise, sollte man einen Halt in dem kleinen 350-Seelenort Shannonbridge einlegen. Hier befand sich mit Killeen´s Bar der wohl legendärste und traditionellste Pub des Landes. Denn hier gab es weit mehr als Getränke, Pub-Snacks, Pool-Billard, Geschichtenerzähler und abends Live-Musik. Über einen Durchgang erreichte man den zweiten Teil des Gebäudes, ein wahrer Gemischtwarenladen, wie man ihn nur noch selten findet. Von der Angelrute über Lebensmittel und Haushaltswaren bis zum Totenhemd konnte man hier alles einkaufen, was man im Leben und später so braucht. Dazu gab es den neuesten Dorfklatsch und die besten Tipps wo, wann und wie die Fische im Shannon am besten zu fangen sind. Wenn abends am Torffeuer dann zur Gitarre gegriffen wurde das „Everywhere out there“ erklang, blieb kein Auge und keine Kehle trocken. Am Ende griff fast jeder zu einem Stück Papier, schrieb einen Wunsch, eine Widmung oder einfach seinen Namen darauf und pinnte es irgendwo an die Decke dieses wunderbaren Ortes, an dem die Begegnung, das Miteinander und das traditionelle Irland weiterlebten. Zum Glück haben Einheimische das Heft in die Hand genommen, renovieren den seit einigen Jahren geschlossenen Pub und wollen ihn im traditionellen Stil im Jahr 2022  wieder eröffnen. Wen es weiterzieht entlang des Flusses Richtung Limerick, den verabschieden die Raben auf der Brüstung der mit ihren 16 Bögen imposanten Brücke über den Shannon, indem sie ein melancholisches Kreischen anstimmen, als seien sie verwundert, dass man diesen magischen Ort freiwillig verlässt.


Friedlicher Klosterort am Fluss

 

Clonmacnoise ist ein magischer Ort.

 

Nur ein paar Meilen weiter südlich liegt das zu den am besten erhaltenen Klöstern Irlands gehörende Clonmacnoise, im Jahre 548 vom Heiligen Ciarán am Ufer des River Shannon gegründet. Seine exponierte Lage war zugleich auch seine Achillesferse, doch trotz zahlreicher Überfälle spielte es für über Tausend Jahre eine entscheidende Rolle im christlichen Irland. Seine Hochkreuze sind wichtige Zeugnisse des Glaubens und der hohen Handwerkskunst des 8. und 9. Jahrhunderts. Sanfte Hügel, kleine Inseln im Fluss, Wiesen mit blühenden Blumen und großen Granitsteinen, die an vielen Stellen die Grasnarbe durchbrechen. Fische, die in der Abendsonne nach Mücken springen und ein leichter Wind, der die Blätter der Laubbäume zum Rascheln bringt: Wohl keine andere Landschaft hat dem Heiligen Ciarán so gefallen und seine Seele berührt wie die sanften Hügel rund um Clonmacnoise im County Offaly. Und noch heute wird man hier von der Schönheit der Natur, den Wiesen, den Mooren und dem ruhig dahin gleitenden River Shannon überwältig. Clonmacnoise geht einem nahe, ob man als Pilger oder einfacher Besucher hierher kommt, man verlässt den zauberhaften Ort verändert.

 

Portumna Castle


Die ummauerten Gärten von Portumna Castle sind sehenswert.


Der etwas verträumt daherkommende Ort Portumna am Nordende des Lough Dergh besitzt mit dem westlich gelegenen Portumna Castle eine kulturhistorisch bedeutende Anlage, die sich heute im Besitz des irischen Staates befindet und an der weiter fleißig renoviert wird. Im frühen 17. Jahrhundert vom 4. Earl of Clanrickard erbaut, sind Schloss und Gärten ein wichtiges Zeugnis für den Übergang einer mittelalterlichen Burg zum Herrenhaus der Neuzeit. Besonders die Gartenanlage und der ummauerte Küchengarten sind sehenswert. Auch das Teehaus, in dem im Obergeschoß häufig Kunstausstellungen stattfinden, sollte man nicht versäumen.


Limerick – Liebe auf den zweiten Blick

 

Limerick und der Shannon am Abend.


Hand aufs Herz: Limerick genießt nicht gerade den Ruf, ein Top-Städteziel zu sein. Das ändert sich gerade und das völlig zu Recht. Die Sanierung des Stadtzentrums schreitet voran, an der Shannon-Mündung gibt es inzwischen schöne Wege zum Flanieren, und die vielen Studenten verleihen Limerick einen jugendlichen Charakter. King John´s castle, St Mary´s Cathedral, das Limerick City Museum und vor allem das Hunt Museum gehören zu den Attraktionen eines Stadtbummels durch Limerick. Selbst die etwas grau und melancholisch daherkommenden Viertel gehören dazu, zusammen entsteht ein bleibender Eindruck einer Stadt im Wandel, die besonders an Wochenenden ihre gälischen Sportarten feiert. Freitagabend ein Rugby-Match, Samstag zum Hurling und Camogie und Sonntag noch ein Gaelic Football Spiel oben drauf – was für ein Traum. Abschied vom Shannon nimmt man dann aber wieder in Sean´s Bar in der Main Street in Athlone. Den ältesten Pub Irlands mit seiner wunderbarer Atmosphäre gibt es hier schon seit dem Jahre 900: Irland, ein Wintermärchen.


Limerick ist eine Sportstadt höchster Güte, das Hurling Team hat erneut die All Ireland Championship gewonnen.

Informationen

 

Die Irland Information www.ireland.com hält umfangreiche Broschüren zu ganz Irland und der Shannon-Region bereit. Aer Lingus bietet Direktflüge von Berlin, Hamburg, Düsseldorf, Frankfurt oder München nach Irland an. www.aerlingus.com

 

www.thisiscavan.ie

www.visitroscommon.ie

www.visitwestmeath.ie

www.longford.ie

www.visitoffaly.ie

www.galwaytourism.ie

www.tipperary.com

www.clare.ie

www.limerick.ie

 

Übernachten

The Landmark Hotel, Carrick-on-Shannon www.thelandmarkhotel.com

The Hodson Bay Hotel www.hodsonbayhotel.com

Clayton Hotel Limerick, www.claytonhotellimerick.com

 

Essen und Trinken

The Shed Distillery, Drumshanbo www.thesheddistillery.com

Lanesbrew Coffee Shop, Main Street, Lanesborough, County Longford, N39 P3K4

 

Sehenswürdigkeiten

Clonmacnoise, https://heritageireland.ie/places-to-visit/clonmacnoise/

Portumna Castle & Gardens, https://heritageireland.ie/places-to-visit/portumna-castle-and-gardens/

The Hunt Museum, Limerick, www.huntmuseum.com

King John´s Castle, Limerick, www.kingjohnscastle.com

 

 

LAUSANNE UND DER GENFERSEE

 

Internationales Flair kann man nicht kaufen. Es entsteht im Laufe der Zeit durch Ansiedlung von weltweit agierenden Konzernen, von großen Verbänden, Institutionen und Universitäten, die eine multikulturelle Szene im Alltag, im Wirtschafts- und Kulturleben einer Stadt entstehen lassen. Lausanne am Genfer See ist das beste Beispiel dafür. Die größte Universitätsstadt der Schweiz genießt schon vom Standort her einen Logenplatz. Die Rebhänge von Lavaux und La Côte rahmen sie ein, idyllisch schmiegt sich Lausanne an Lac Léman und Waadtländer Plateau und erfreut sich eines wahrhaft olympischen Titels: Lausanne ist nicht nur Sitz des Internationalen Olympischen Komitees, sondern auch Heimat des Musée Olympique, das man sich nicht entgehen lassen sollte. Das Olympische Museum thront mit seinen Gärten und Brunnen über dem Genfersee und vereint mit seinen interessanten Ausstellungen Sport, Kunst und Kultur, ein wahres Schmuckstück.

 

 

Geschichte und Gegenwart

Lausanne liegt an der Schnittstelle der großen Autobahnen, verfügt über ein dichtes Eisenbahnnetz und ist somit auch der Ausgangspunkt für zahlreiche Ausflüge mit dem Zug in benachbarte Städte und Gemeinden prädestiniert. Unverkennbar ist hier auch der französische Einfluss, wenn auch zunächst die Kelten und Römer ihre Spuren hinterlassen haben. Dabei kann Lausanne mit ebenso vielen Hügeln aufwarten wie Rom, und auf der zentralen Bergkuppe thront mit der Kathedrale Notre-Dame auch eine ihrer wichtigsten Sehenswürdigkeiten, denn sie ist der bedeutendste frühgotische Bau der gesamten Schweiz. Von ihrem Vorplatz aus hat man einen wunderbaren Blick über die Dächer der Stadt und den Genfer See. Weitblick bewiesen auch Baron Pierre de Coubertin und Lausannes damaliger Bürgermeister Maillefer, als sie 1915 die Vereinbarung zum Sitz des Internationalen Olympischen Komitees unterzeichneten. Das hat der Stadt weltweites Renommee eingebracht, genauso wie die Polytechnische Hochschule, die im Bereich Neue Energien, Bio- und Mikrotechnologie als die beste der Welt gilt. Und neben 20.000 Studenten auch ein Bevölkerungsgemisch aus allen Kontinenten.     

 

Wasser und Wächter 

Der Yachthafen von Ouchy, die langgezogenen Seepromenaden, eine Schifffahrt auf dem Genfersee mit der CGN Belle Epoque Flotte, das Villenviertel und zahlreichen Märkte, auf denen es sehr bodenständig zugeht, natürlich auch die schicken Boutiquen in der Rue de Bourg bis hin zum Stadtschloss und dem Olympischen Park samt dem interaktiven Olympischen Museum, das selbst Nicht-Sportinteressierte begeistert: Lausanne ist äußerst lebens- und sehenswert. Dabei wird manche Tradition bewahrt. So ruft noch heute der „Geut“ bis 3 Uhr morgens die Stunden aus. Es gibt ältere Leute in Lausanne, die an das Ausrufen der Stunden so gewöhnt sind, dass sie nachts die Polizei anrufen und sich besorgt danach erkundigen, ob dem Geut etwas passiert sei, wenn dieser sich einmal um wenige Minuten verspätet.

 

Kunst und Genuss

Nicht nur sportlich, auch kulturell hat Lausanne einiges zu bieten. Das Opern- und Schauspielhaus genießen Weltruf. Und neben dem Lausanner Hauptbahnhof entsteht mit dem Plateforme 10 gerade ein großartiges neues Kunstquartier, das auch das Musée Cantonal des Beaux-Arts (MCBA) beherbergt.

 

Bereits die Architektur der Gebäude zieht die Blicke auf sich, in Kürze werden hier auch das Musée de l`Elysée als Fotomuseum und das mudac als Museum für zeitgenössische angewandte Kunst eröffnet und zusammen mit vierzehn Arkaden einen neuen öffentlichen Raum für alle Besucher und die Bevölkerung Lausannes bilden.

 

Apropos Genuss: Auch das gastronomische Angebot besitzt überdurchschnittliche Qualität, nachzuprüfen im Restaurant des Olympischen Museums oder im regionaltypischen, sehr charmanten Le Café du Grütli in der Rue de la Mercerie 4 in der Altstadt. Eine Top-Adresse ist auch das La Bavaria in der Petit-Chêne 10, das komplett renoviert wurde, aber seinen traditionellen, gemütlichen Charakter bewahrt hat. Hier gibt es traditionelle, regionale Waadtländer Küche, kombiniert mit italienischen und asiatischen Einflüssen und im ersten Stock einen Saal, der auch für Familien- und Firmenfeiern zur Verfügung steht. Das La Bavaria ist eine echte Institution in Lausanne. Gerade wurde die Brasserie mit dem ICOMOS-Preis „Historisches Restaurant des Jahres 2021“ ausgezeichnet, ein Zeitzeuge eines in der Schweiz heute fast ausgestorbenen Typs Brasserie. Der Preis belohnt nicht nur die Restaurierung des Gebäudes und des Speisesaals, sondern auch den traditionellen Betrieb des Café-Restaurants.

 

Wer sich mit hochwertigen Waadtländer Bio-Produkten eindecken will, schaut bei Christel Kesselring und ihrer La Ferme Vaudoise am Place de la Palud 5 in der Altstadt vorbei, ein Paradies für Feinschmecker und Menschen, die lokale schmackhafte Lebensmittel dem Supermarkteinheitsbrei vorziehen. Nicht zu vergessen das Restaurant 57º Grill im Château d´Ouchy, das mit kreativer Küche und wunderbarem Blick auf die Bucht seine Gäste verwöhnt.

 

Paradies und Prominenz 

Das Waadtland und der Genfersee sind ein kleines Paradies auf Erden, das schon viele Künstler, Literaten und Weltenbummler auf der Suche nach den Schönheiten der Natur, nach Ruhe und Inspiration in seinen Bann gezogen hat. Es ist sicher kein Zufall, dass sich Charlie Chaplin hoch über Vevey niederließ, um hier seine letzten 25 Lebensjahre zu verbringen, dass Freddie Mercury dem Genfersee mit dem Gipfel des Grammont auf dem Cover seines Albums „Made in Heaven“ ein Denkmal setzte, dass Igor Stravinski „Sacre du Printemps“ in Montreux komponierte oder dass der Sänger Prince der Region Lavaux einen Song widmete, der den Namen der berühmten UNESCO-Weinterrassen trägt. Wie soll man den Einfluss der Region auf Hemingway, Nabokov, Sissi und so viele andere erklären? Vielleicht ist es das Mikroklima oder der herrliche See, die Berge ringsum, mächtig und beschützend zugleich, die Sonnenuntergänge wie Gemälde aus der Hand eines Malers.

 

Payerne und Morges

Was auch immer die Faszination dieser Region ausmacht, sie verzaubert die Gäste immer wieder aufs Neue und bietet für Reisende eine große Vielfalt an attraktiven Ausflugsmöglichkeiten. Man braucht zum Beispiel nur eine knappe Stunde, um mit dem Zug von Lausanne nach Payerne zu gelangen und kann schon auf der Fahrt dorthin das wundervolle Panorama der Weinberge und kleinen Winzerorte am Genfersee genießen. In Payerne angekommen, zieht einen die Abteikirche sofort in seinen Bann. Mittels einer interaktiven audiogeführten Tour lässt sich die nach zehn Jahren Restaurierungszeit wiedereröffnete größte romanische Kirche der Schweiz spielerisch und familienfreundlich entdecken. In und um die Kirche herum wird man verzaubert von einer spirituellen Atmosphäre, die nicht von Kommerz und Klüngel gestört wird. Eine wundervolle Klarheit liegt hier in der Luft, die man auch in anderen Ecken dieser Region der Seen und Outdoor-Erlebnisse in Estavayer-le-Lac entdecken kann.

 

Ganz schnell kommt man von Lausanne aus mit dem Zug auch ins westlich am See gelegene hübsche Morges, das mit seiner Uferpromenade, dem Schloss und dem Yachthafen seine Gäste empfängt und verwöhnt.

 

Hier kann man sich auf die Spuren von Audrey Hepburn (1929-1993) begeben, die berühmte Schauspielerin lebte fast 30 Jahre am Genfersee. Besucher können seit diesem Frühling die vielen Spuren entdecken, die Audrey im kleinen Dorf Tolochenaz und in Morges hinterlassen hat.

 

Dazu gehören die Wohnhäuser, die Gärten, die Parks, die sie liebte und eine faszinierende Ausstellung in der Fondation Bolle in der Rue Louis-de-Savoie 73 in Morges, die Kurator Salvatore Gervasi mit großartiger Eleganz und Ästhetik zusammengestellt hat. Hier findet jedes Jahr im Sommer eine neue Hepburn-Ausstellung mit wechselnden thematischen Schwerpunkten statt, die man sich nicht entgehen lassen sollte.

 

Rätsel und Ramuz

„Gestatten, meine Name ist … pardon, das sollen sie ja bei einem Besuch unserer schönen Region selbst herausfinden. Ich schwebe ein wenig hinter der Statue von Jean Daniel Abraham Davel vor dem Lausanner Schloss und halte meine Hand beschützend über seinen Kopf. Das hat manche veranlasst zu glauben, ich sei der Schutzengel des Freiheitskämpfers Major D. Das bin ich nicht, obwohl mir patriotische Gefühle und mystische Verklärungen nicht fremd sind. Auch stimmt es nicht, dass ich die schöne unbekannte Winzerin verkörpere, die ihm während der Weinlese im Jahre 1691 sein Schicksal vorhergesagt hat. Wie dem auch sei, bei seiner Enthauptung 1723 war ich nicht zugegen, denn solch schreckliche Ereignisse meide ich wie der Teufel das Weihwasser. Mit jenem habe ich übrigens auch nichts zu tun, um das einmal klar zu stellen. Und ein gutes Gläschen Chasselas ziehe ich auch jedem noch so klaren und gesunden Wässerchen vor. Ob die Herkunft der Gutedel-Traube sie weiterbringt? Schwierig, denn auch da steht nicht fest, ob ihre Herkunft aus Oberägypten, dem Jordan-Tal oder aus Frankreich stammt. Also bleiben sie vielleicht doch lieber in unserer schönen Weingegend, besuchen den charmanten Weinort Pully am See und gehen in das Charles Ferdinand Ramuz Museum, das dort im Jahre 2022 seine Pforten öffnen wird. Vielleicht finden sie dort in seiner Schreibstube einen weiteren Hinweis auf meine Identität. Wenn nicht, ist das auch nicht schlimm, ich halte auch meine zweite Hand beschützend über ihr Haupt, wenn sie das Waadtland besuchen. Versprochen.“

 

„Nacht um das, was gewesen ist, hinter ihm, der fortgeht; vor ihm Nacht um das, was noch nicht ist … da verschwindet er selbst, er selber vergeht, er geht weiter: in nichts, auf daß etwas sei.“ Charles Ferdinand Ramuz, Besuch des Dichters

 

Informationen

Allgemeine Informationen zu den beschriebenen Reisezielen findet man unter

www.myvaud.ch

www.genferseegebiet.ch

www.lausanne-tourisme.ch

www.morges-tourisme.ch

www.estavayer-payerne.ch

www.abbatiale-payerne.ch

 

Übernachtungstipp: Hotel Mirabeau, Lausanne, zentral in der Nähe des Bahnhofs gelegen, traditioneller Chic mit modernem Service, www.mirabeau.ch

 

Essen und Trinken:

La Ferme Vaudoise, Lausanne, vielfältige regionale Spezialitäten, www.ferme-vaudoise.ch

Café du Grütli, lausanne, bodenständige, regionale Küche mit Esprit, www.cafedugruetli.ch

La Bavaria, Lausanne, ausgezeichnete Küche und stilvolles Ambiente, www.labavaria.ch

57º Grill im Château d´Ouchy, ausgezeichnete Menüs und beeindruckende Weinkarte, www.chateaudouchy.ch

Brasserie Notre Dame, Payerne, gelungene Kombination aus traditioneller und moderner Küche, www.brasserienotredame.ch

 

Museen:

www.mcba.ch

www.plateforme10.ch/de

www.olympics.com/museum

Expo Fondation Bolle, www.fondationbolle.ch

 

Schifffahrt und Panoramatouren: www.cgn.ch

 

 

 

 

 

Elf Stationen zu einem wahren Team

Spiez zeigt, wie eine Fußball-Mannschaft mit besonderem Team-Geist entsteht

 

Text/Fotos: Jörg Berghoff

Das „Wunder von Bern“, als die deutsche Fußball-Nationalmannschaft völlig überraschend Ungarn im Finale der WM 1954 schlug, war zweifelsfrei ein historisches Ereignis, das über den Sport hinausreichte. Es gleich zur Geburtsstunde einer neuen Nation hochzustilisieren, darf in Frage gestellt werden. Sicher hat es in weiten Teilen der Bevölkerung ein neues Selbstbewusstsein entstehen lassen, aber es gab trotzdem noch genug gesellschaftliche Aufgaben in der jungen Republik, die nicht mit einem Fußballspiel gelöst wurden. Lassen wir also die Mystifizierung einmal weg und wenden uns dem Kern zu, der noch heute Gültigkeit hat: Wer es versteht, aus Einzelkönnern ein wahres Team zu bilden, das Einzelinteressen nicht vor den gemeinsamen Erfolg stellt, kann scheinbar Unmögliches erreichen. Das kann man an der diesjährigen Fußball-Europameisterschaft erneut beobachten: der Teamgeist versetzt Berge. Fehlt er, geht es frühzeitig nach Hause.

Im charmanten Spiez am schönen Thunersee logierte damals das Herberger-Team im Hotel Belvédère, das noch heute mit seiner Lage, seiner Ausstattung und seinem ausgezeichneten Service zu den besten Adressen in der Schweiz gehört. Auch das Andenken an die deutsche Mannschaft wird hier in Ehren gehalten und Spiez Tourismus hat einen „SmarTrail Das Wunder von Bern“ initiiert, der die Herzen aller Fußballfans höher schlagen lässt. Der digitalisierte, elektronische, interaktive und autodidaktische Themenweg „Das Wunder von Bern und der Geist von Spiez“ basiert auf einer schweizweit neuartigen GPS-Lösung. Der Start erfolgt per QR-Code Scan. mit­hilfe des Smartphones wird man an virtuelle Positionen geführt und dort angekommen, erscheinen im Internetbrowser auf dem Handy Inhalte wie Texte, Bilder, Audio-, Video-Sequenzen und Quizfra­gen. Zum Entdeckungsvergnügen braucht man einzig ein internetfähiges Smartphone mit mindestens 50 %-Akkuladung. Info-Tafeln und Skulpturen machen den Themenweg auch zum visuellen Vergnügen. Wir folgen dem Weg und seinen elf Stationen:

 

Station1: Die Hotelauswahl

 

Als feststeht, dass die deutsche Mannschaft an der Weltmeisterschaft teilnimmt, macht sich Trainer Sepp Herberger auf die Suche nach einem geeigneten Quartier. Für die Lösung der Unterkunftsfrage hat er einen glänzenden Helfer: Albert Sing, ein ehemaliger Spieler der deutschen Nationalmannschaft und damaliger Trainer der Berner Young Boys. Ihm teilt Herberger seine Wünsche mit. „Wir suchen ein Hotel in ruhiger Lage. 25-30 Betten entsprächen der Kopfzahl unserer Expedition. Gute bürgerliche Küche. Wichtig ist uns auch, dass wird zentral liegen, um schnell und bequem an die Spielorte zu kommen.“ Albert Sing weiß sofort, wo er fündig wird. Er kennt den Direktor des Hotel Belvédères in Spiez persönlich und überredet ihn einen Teil des Hotels für die deutsche Mannschaft zu reservieren. Als Herberger für einen Augenschein in die Schweiz kommt meint er: „Rundblick und Rundgang waren geradezu faszinierend. Albert Sing hatte nicht zu viel versprochen. Wir hatten unser Quartier.“ Als im Jahr darauf die Nationalmannschaft die Unterkunft bezieht, sind auch die Spieler begeistert: Fritz Walter schreibt: „Ich glaube nicht, dass irgendeine Nationalmannschaft ein landschaftlich schöner gelegenes Quartier hatte. Besser und schöner hätten wir es einfach nicht treffen können.“ Die deutschen Spieler kamen als Amateure aus dem Deutschland der Nachkriegszeit in dieses Paradies nach Spiez. Dadurch haben sie sich dem Trainer und dem Land noch mehr verpflichtet gefühlt.

 

Station 2: Der Garten

 

Das Hotel Belvédère in Spiez am Thunersee schien für die deutsche Mannschaft ideal. Es war sehr ruhig und hatte einen großen Garten mit Liegestühlen. Umliegend die beeindruckenden Berge, bis zu 4000 Meter hoch und vom ewigen Eis bedeckt. Und zu den Füssen lag der blau-grün schimmernde Thunersee. So oft sie Lust hatten, konnten die Spieler ab dem Privatstrand Bootsfahrten unternehmen. In dieser Idylle fern der grauen Heimat war es für den Trainer Herberger ein Leichtes, seine Männer in Stimmung zu halten. Er wollte sie hier bei diesen idealen Verhältnissen zu einer Einheit schweißen, zu einer Mannschaft formen, die keinen Gegner zu fürchten brauchte.

 

Station 3: Der Geist von Spiez 

 

Als Ottmar Hitzfeld einmal gefragt wurde, ob er den Geist von Spiez kenne, antwortete dieser leicht verwundert: „Natürlich kenne ich den. Jeder deutsche Fußballfan kennt ihn.“ Doch was hat es nun wirklich mit diesem Geist auf sich? Sepp Herberger schätzte die Stille dieser Seepromenade, zu der man vom Park des Hotels direkten Zugang hat. „Wie oft bin ich diesen Weg gegangen. Oft allein, mit meinen Gedanken. Oft aber auch in Begleitung, die ich mir aus bestimmten Gründen extra ausgesucht hatte. Es gab ja so manches zu erklären und zu entscheiden in jenen Tagen. Hier war jeder einmal bei mir – allein, in Paaren oder in Gruppen. Hier wurde die Taktik vermittelt, Aufstellungen begründet und um Verständnis gesucht, wenn meine Entscheidungen nicht nach den Wünschen des Spielers war.“ Hier, in der inspirierenden Ruhe am Seeufer, schuf Herberger den großen Teamgeist. Die Kameradschaft, die sich der Trainer immer gewünscht und in den Vordergrund seiner Bemühungen gestellt hatte, ergriff seine Spieler. Die Atmosphäre des Ortes, eben der Geist von Spiez, ergriff die Herzen der Spieler. Dieser außerordentliche Teamgeist verhalf seiner Mannschaft zum sensationellen Weltmeistertitel. Und der Geist von Spiez ging als entscheidender Erfolgsfaktor in die Fußballgeschichte ein. 

 

Station 4: Heimliche Bootsausfahrten

 

Die Spieler hatten nur wenig Freizeit. Das waren damals ganz junge Spieler, 22, 23 und 24 Jahre alt, die meisten wenigstens. Und sie hatten schon einmal andere Sachen als Training im Sinn. Das ist man mit dem Boot rausgefahren und hat eine Zigarette geraucht, natürlich soweit in die Seemitte, dass sie niemand sehen konnte. Und das Beste: Auf der anderen Seite vom See waren einige Spielerfrauen untergebracht. Und die Legende erzählt, dass das Boot auch ein paar Mal bis zur anderen Seite gerudert ist. Kein Schelm, wer denkt, dass diese Ausflüge auch zur guten Stimmung beigetragen haben.

 

Station 5: Kapitän Fritz Walter

 

Er war ein genialer Spielmacher, ein begnadeter Techniker und ein großer Stratege. Während seiner ganzen Vereinskarriere spielte er an seinem Geburtsort für seinen 1. FC Kaiserslautern. In fast 400 Spielen schoss er 327 Tore. Und dies, obwohl er eigentlich ein Mittelfeldspieler war. Walter war aber auch hochgradig sensibel, und gestand einmal: „Jahrelang war ich vor jedem Spiel so aufgeregt, dass mir schlecht wurde. Ich saß dann oft bis kurz vor Anpfiff auf der Toilette.“ Herberger war bei ihm mehr Psychologe als Trainer. Nach schlechten Spielen war Walter tagelang für niemanden zu sprechen. Zu Herberger meinte Walter: „Er war wie ein Vater, hat jeden gut behandelt und immer gefragt wie es zuhause geht... auf dem Feld hat jeder seiner Spieler gedacht, er sei Herbergers Schlüsselfigur.”  Fritz Walter ist einer der größten Fußballer der Geschichte, nach ihm ist auch das Fritz-Walter-Wetter benannt.

 

Station 6: Die Stollenschuhe

 

Am Finaltag regnete es in Bern. Die technisch starken Ungarn bevorzugten das Kurzpassspiel, hatten aber auf dem zunehmend regendurchtränkten Spielfeld immer mehr Schwierigkeiten. Deutschland hingegen blühte auf tiefem Boden regelrecht auf und demonstrierte seine Kämpferqualitäten. Vor allen Dingen der Kapitän der Mannschaft, Fritz Walter, fühlte sich bei Regenwetter pudelwohl. Er konnte seine Technik auf schwierigen Plätzen besonders gut einsetzen. Auch weil er früher an Malaria litt und bei Hitze Mühe hatte. Seine Teamkollegen nannten die Witterung am Finaltag „Fritz-Walter-Wetter“. Noch heute wird dieser Begriff in Fußballdeutschland rege benutzt. Entscheidend mitgeholfen hat auch der deutsche Materialwart, ein gewisser Adi Dassler. Dieser stellte in der wirtschaftlich schwierigen Nachkriegszeit Fußballschuhe her. Er entwickelte das System der Schraubstollen, das es ermöglichte, das Schuhwerk dem Terrain anzupassen. Noch in der Halbzeit des Finales wechselte er aufgrund des zunehmenden Regens die Stollen und sicherte somit den deutschen Spielern die Standfestigkeit, die entscheidend zum Sieg beitrug. Die Ungarn, mit ihren aufgeweichten und schwer gewordenen Schuhen wurden überlistet. Der Gewinn der Weltmeisterschaft war für Adi Dassler zugleich der Durchbruch. Vor allem aber war es die Geburt eines deutschen Weltkonzerns: Von Adidas, dem Sportartikelhersteller mit den berühmten drei Streifen. Seine Firma stattete wenig später bereits die ganze Fußballwelt mit Stollenschuhen und bald auch Trikots aus. Heute ist Adidas nach Nike der zweitgrößte Sportartikelkonzern der Welt.

 

Station 7: Helmut Rahn

 

Er war der Mann, der Deutschland zum Weltmeister machte. Der Siegtorschütze in der 84. Minute. Eigentlich bevorzugte Trainer Herberger Teamplayer. Ungehorsame Spieler wurden aus der Mannschaft entfernt. Dennoch sah er in Helmuts jugendlicher Sorglosigkeit und Risikobereitschaft eine Qualität, obwohl es Rahn an Disziplin mangelte. Die Rechnung des Trainers ging auf. Rahns Tor ging in die Geschichte ein. Legendär ist auch der Kommentar: „… Kopfball – abgewehrt – aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen – Rahn schießt! – Tooooor! Tooooor! Tooooor! Tooooor!“ Wegen seinen Fähigkeiten als Anführer trug er den Spitznamen „der Boss“.  Als Frohnatur und Spaßvogel brachte er frischen Wind in die Mannschaft. 

„Als Spieler war er absolute Weltklasse, als Mensch war er allein durch seinen unerschütterlichen Optimismus unverzichtbar“, sagte Fritz Walter über seinen Team- und Zimmerkollegen. Mit dem Ruhm aber kam der einstige Star-Stürmer und sensible Mensch immer weniger klar. Er zog sich zurück und scheute die Öffentlichkeit. Nach seiner Fußballzeit betrieb er mit einem Bruder einen Autohandel und arbeitete später in einer Entsorgungsfirma für Bauschutt. 

 

Station 8: Taktik und Spielweise

 

Bereits im zweiten Gruppenspiel traf Deutschland auf den späteren Finalgegner Ungarn. Gleich mehreren wichtigen Spielern gönnte der Trainer eine Pause - ausgerechnet gegen den Turnierfavorit. Die Kritik war groß. Deutschland kam mit 3:8 unter die Räder. Herberger wollte aber seine besten Männer für das folgende Entscheidungsspiel schonen, dass sie dann prompt gegen die Türkei mit 7:2 gewannen. Vor dem Halbfinale gegen Österreich notierte sich Herberger: „Angriffswirbel, ständiger Positionswechsel, keiner ist an seinen Platz gebunden, aber jede Position ist besetzt.“  Das Ziel: unberechenbar sein und den Gegner mit einer Überfalltaktik verwirren. Die Spielweise von Herbergers Team an der WM 1954 war revolutionär.  Er wollte viel Spielfreude, und immer „elf Mann im Angriff, elf Mann in der Abwehr.“  Das waren alles Ideen wie aus dem heutigen modernen Fußball. Herbergers detailreiche Planungen gingen auf, und seine taktischen Entscheidungen hatten sich als richtig erwiesen. Er zog selbst für die WM folgendes Fazit: „Als wir in die Schweiz fuhren, war keine Nation in besserer Verfassung und keine Mannschaft auf die bevorstehenden Aufgaben besser eingestellt als die unsrige.“

 

Station 9: Trainer Sepp Herberger

 

Herberger war Bundestrainer während 27 Jahren. Dies ist nur die Fußnote in einer Vita, die einmalig gewesen ist. Josef „Seppl“ Herberger,  wurde zur Legende, zu einer der schillerndsten Figuren des deutschen Fußballs, zum Hexenmeister und Trainer-Guru. Wie schaffte er es mit einer anfänglichen Amateur-Mannschaft einen Weltmeistertitel zu gewinnen? Herberger war eine facettenreiche, charismatische Persönlichkeit.   Er war charmant und schroff, nachsichtig und unerbittlich, väterlicher Freund und strenger Patron. Er sorgte sich um seine Spieler, als wären sie die eigenen Kinder. Neben Herbergers Wissen über Fußball war er auch ein begnadeter Psychologe. Zu Hause besaß er eine Bibliothek mit 1500 Büchern. Von ihm stammen auch berühmte sogenannte Fußballweisheiten. „Der Ball ist rund“, „Ein Spiel dauert 90 Minuten“, „Nach dem Spiel ist vor dem Spiel“ - Aussagen, die heute jeder Fußballer verwendet. Mit einem immensen Fußballwissen kombiniert mit Weisheit und Psychologie hat er das Wunder geschafft: die deutsche Mannschaft vom Nullpunkt zum Weltmeister zu führen.  Es machte ihn zu einem Volkshelden in der noch jungen deutschen Republik.

 

Station 10: Das WM-Finale 1954

 

Es regnete in Strömen an jenem 4. Juli. Perfektes Fritz-Walter-Wetter. Der krasse Außenseiter Deutschland besiegte das scheinbar übermächtige Ungarn mit 3:2 und feierte den ersten von bis heute vier WM-Titeln. Ungarn mit Weltstar Ferenc Puskas verlor erstmals nach 31 Spielen und 4 Jahren ausgerechnet das WM-Finale. Das Spiel begann wie ein Feuerwerk: Bereits nach 10 Minuten stand es 2:0 für Ungarn. Bis zur 18. Minute glichen Max Morlock und Helmut Rahn schon zum 2:2 aus. Anschließend wog das Spiel lange hin und her. Die Ungarn drängten, trafen die Latte und den Pfosten, die Deutschen stemmten sich dagegen. Deutschlands Torwart Toni Turek gelang ein fantastisches Spiel. Den Siegtreffer schoss Helmut Rahn in der berühmten 84. Minute. Zwei Minuten später traf Puskas zum vermeintlichen Ausgleich. Doch angeblich war es Abseits. So genau weiss das bis heute niemand. Kurz darauf war Schluss mit dem legendären Kommentar:Aus, aus, aus, aus! Das Spiel ist aus! Deutschland ist Weltmeister.“

 

Station 11: Nachspielzeit

 

Die Weltmeister von Bern wurden in der Heimat verehrt. Allen voran Kapitän Walter, Siegtorschütze Rahn und Trainer Herberger erlangten Kultstatus. Für den WM-Titel gab es für jeden Spieler 1000 Mark und Spielprämien sowie Sachspenden wie Motorroller, Fernsehgeräte und Polstergarnituren. Nach der WM entstand in Deutschland ein kollektives „Wir-Gefühl“. Auch oft zu hören: „Wir sind wieder wer“. Für viele Menschen wurde der Triumph zum Symbol des Aufbruchs nach dem 2. Weltkrieg. Mit dem Ruhm kamen aber nicht alle Spieler gut zu recht. Einzelne hatten später Alkoholprobleme. Viele starben relativ früh an verschiedenen Krankheiten. Der einzige Held von Bern, der noch lebt, ist Horst Eckel. Im April 2019 reiste er mit 88 Jahren nochmals nach Spiez und nahm an einer Zeremonie teil.

 

Wer sich auf die Spuren des Wunders von Bern begibt und den Geist von Spiez erleben will, bekommt hier alle wichtigen Informationen:

Schweiz Tourismus, www.myswitzerland.com

Spiez Marketing und Tourismus, www.spiez.com

Interlaken Tourismus, www.interlakentourism.ch

Belvédère Strandhotel, www.belvedere-spiez.ch/de/